Besonders an Wochenenden wird unser Tal regelmäßig von eine Blechlawine überrollt. Nur in den Bergen scheint es Schnee und Erholung für die „Isarpreussen“ zu geben. In den Social Media lassen Einheimische ihren Dampf ab und machen auch Stimmung gegen Fahrzeuge mit den M-Kennzeichen, die dann in der Praxis sogar in Sachbeschädigung und Beschimpfungen ausufert.

Unser Landrat sah sich sogar genötigt, an die CSU-Granden eine „melodramatische“ (SZ) SMS abzusetzen, in der er den Ministerpräsidenten und die Landtagspräsidentin um Unterstützung bat.

Doch was sollen Söder und Aigner denn machen? Realistisch betrachtet, könnten sie an Wochenenden ein allgemeines Fahrverbot initiieren, was dann aber natürlich auch für uns im Tal gelten würde. Das wäre dann zwar im Kampf gegen den Klimawandel – den sich ja jetzt auch die CSU auf die Fahnen schreiben möchte – hilfreich, ob aber dazu unser Ministerpräsident in seinen Kanzlerträumen das Rückgrat hätte, bleibt aber zu bezweifeln.

Natürlich weiß auch unser Landrat, dass mit einer abgesetzten SMS sein Job nicht erledigt ist. Wir warten jetzt auf konkrete Vorschläge aus dem Landratsamt, wie man die Situation in den Griff bekommen könnte. Hier ein paar Anregungen für das Tegernseer Tal.

  1. Zunächst: Eine Verteufelung der Münchner*innen ist nicht die Lösung, wohl aber Ausdruck typischer CSU-Denke. Stichwort „Obergrenze“. Eine Politik der Feindschaft taugt auch hier nicht. Sie bringt nur offene Feindseligkeiten hervor. Auch die Beschwörung der Obrigkeit und das Bestimmung von irgendwelchen Grenzen kann die Suche nach kreativen Lösungen nicht ersetzen. Was schon mit Flüchtlingen nicht funktioniert bzw. nur funktioniert, wenn man sich von seinen christlichen Werten verabschiedet, wird auch bei der Invasion der Tagestouristen nicht auf die Dauer funktionieren.
    Es geht im Gegensatz darum, nachhaltige Lösungen zu finden. Dabei muss man auch den Menschen entgegenkommen, die ansonsten hochwillkommen sind, wenn sie Geld im Tal lassen. Ziel muss eine win-win Situation sein, die sowohl Tegernsee als auch die Talbewohner vor touristischer Ausbeutung bewahrt, unsere Umweltressourcen schont und auch die wegen des Lockdown nachvollziehbaren Bedürfnisse der Städter nach Natur und Bewegung anerkennt. Wir wohnen an einer der schönsten Plätze auf der Welt. Planvolles Teilen, nicht egoistische Abschottung ist der Lösungsweg.
  2. Das Phänomen „Blechlawine“ ist nicht neu. Das Tal und sein Tourismus zeigt sich aber immer noch überfordert. Hier treten Versäumnisse in der Vergangenheit deutlich zu Tage. Natürlich gibt es keine schnellen Patentlösungen. Einige Sachen kann man aber wenigstens schon mal anstoßen:
    1. Die Bereitstellung von Parkplätzen darf nicht der Devise „je mehr desto besser“ folgen. Vielmehr muss man fragen, wie viele Menschen verträgt die Umgebung, was sollen denn die Leute, die hier parken, eigentlich machen, wohin sollen sie hingehen?
      Die Anzahl der Parkplätze ist wohl eine der wenigen Steuerschrauben, die zur Verfügung stehen. Voraussetzung für die Wirksamkeit ist eine rigorose Parkraumbewirtschaftung und auch ein funktionierendes Parkleitsystem, das schon an der Kreuzstraße informiert, wenn im Tal alles vollgeparkt ist.
    2. Wenn die Tagestouristen schon hier sind, sollen sie sich möglichst gleichmäßig verteilen. Deshalb viele Plätze schaffen, die zum Verweilen einladen. Picknick-Plätze, Bänke an Aussichtspunkten, die helfen, die Natur zu inszenieren und nicht zu verbrauchen.
      Vorbildlich der Wirt vom Galaun: Ein kleiner Selbstservice (mit Vertrauen in die Ehrlichkeit der Menschen), großzügig und corona-konform verteilte Sitzgelegenheiten, sogar ein Spielplatz. Für meine Person gehe ich seit einiger Zeit sehr gerne dorthin und werde das auch noch nach Corona machen.
    3. Bedarfsgerechte Stärkung des ÖPNV. Die Züge der BRB sind an Wochenenden trotz Corona gut gefüllt. Mein Vorschlag: Den Takt zu bestimmten Zeiten mindestens auf 20 Minuten reduzieren, dafür evtl. am Abend ausdünnen. Wenn Kliniken „Ehemalige“ rekrutieren können, dann geht es bestimmt auch bem ÖPNV. Züge und Busse müssen besonders in Zeiten von Corona so getaktet sein, dass sie bequem und ohne Infektionsgefahr Menschen ohne große Wartezeiten befördern können.
      Das gilt ebenso natürlich für U-Bahn und S-Bahn. Es darf sich absolut – auch finanziell – nicht lohnen, in das Auto zu steigen. In Summe werden dann vielleicht nicht weniger Menschen kommen, aber umweltverträglicher.
  3. Als weitere langfristige Maßnahmen schlage ich vor:
    1. Schaffung von attraktiven Freizeitmöglichkeiten – auch für den Wintersport – in und um München, die auch leicht mit U- und S-Bahn erreichbar sind. Das nehmen die Menschen an. Man gehe nur mal an Wochenenden in den Englischen Garten.
    2. Wenn die Blechlawine zu groß wird – und auch sonst: alternative Verkehrsmittel einsetzen. Der ÖPNV muss bequem und besonders auch schneller sein. Steht das Auto im Stau, dann auch der Bus. Abhilfe schafft hier vielleicht eine abgespeckte „Seeger-Bahn“: In China wurde eine umweltfreundliche Straßenbahn entwickelt, die ohne Schienen auskommt und sogar auch autonom fahren kann. Natürlich ist das nur ein E-Bus in Form einer Straßenbahn. Aber die Straßen im Tal sind breit genug, um mit solchen schmalen Bussen eine einspurige Ringlinie in beide Richtungen zu realisieren, wenn man einige Kreuzungspunkte einplant. Das Projekt könnte sicher mit EU-Mittel gefördert werden. Das hätte zudem den Vorteil, dass die Kommunen im Tal so eine Bahn in Eigenregie aufbauen könnten.
    3. Ich darf an dieser Stelle nochmals auf unsere Verkehrskonzepte verweisen, die wir in unserem Wahlprogramm ausführlich dargestellt haben. Auch unsere Landratskandidatin Christine Negele wartete mit einem guten Konzept auf. Ein paar Stimmen mehr für die Sozis täten dem Tal nicht nur an dieser Stelle gut.
  4. Zum Schluss noch einige grundlegende Gedankenskizzen. Es zeigt sich, dass Appelle an Solidarität nur sehr begrenzt wirken. Mich überrascht das nicht. Solidarität muss eingeübt werden, was im Neoliberalismus, der die letzten Jahre geprägt hat, keinen Platz hat. Da kommt man mit dem Ellbogen am weitesten. Es geht hauptsächlich um den eigenen – in der Hauptsache wirtschaftlichen – Erfolg. Die Erfahrung zeigt aber, dass Gesellschaften erfolgreicher sind, die sich der gemeinschaftlichen Arbeitsteilung verschrieben haben. Wir müssen also insgesamt umdenken.
    Solidarität muss eingeübt werden. Das fängt schon bei der Erziehung und der Bildung an. Unser Bildungssystem prüft in der Hauptsache nur Zahlen und Sätze ab. Reines Fachwissen schafft aber keine Empathie. Auf der Strecke bleiben Kommunikation, Kollaboration und – besonders wichtig – Persönlichkeitsbildung. Auch die Kommunalpolitik muss anders organisiert werden. Ein Ansatz wären hier Bürgerräte, wie sie sogar Wolfgang Schäuble einfordert. Lösungen gemeinsam entwickeln, anstelle sie von der Obrigkeit – oft nur unzulänglich erklärt – vorgesetzt zu bekommen. Vogel friss oder stirb darf in der Kommunalpolitik keine Option mehr sein.

Ich freue mich über jeden konstruktiven Diskussionsbeitrag.

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